Eigentlich hatte ich an gestern Abend gar nicht damit gerechnet, überhaupt einen Pilz zu finden. Seit längerer Zeit ist es trocken, es war superheiß und die Wälder wirken dürr und sind nahezu pilzleer. Umso größer war die Überraschung, als wir an einer Stelle, an der wir fast täglich vorbeikommen, plötzlich einen wunderschönen Eichhasen (Polyporus umbellatus) entdeckten.
Solche Funde zeigen eindrucksvoll, dass sich ein genauer Blick auch in schwierigen Pilzjahren und bei völliger Trockenheit lohnt. Nicht jeder Pilz benötigt dieselben Bedingungen, und manche Arten überraschen selbst erfahrene Pilzsucher.

Pilze sind immer da – auch wenn wir sie nicht sehen
Viele Menschen glauben, dass Pilze erst nach einem Regen „entstehen“. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Der eigentliche Pilz lebt das ganze Jahr über verborgen im Boden oder im Holz.
Dieses unterirdische Geflecht aus feinen Hyphen wird Myzel genannt und bildet den eigentlichen Organismus. Was wir als Pilz wahrnehmen, ist lediglich der Fruchtkörper – also das Fortpflanzungsorgan, das zur Verbreitung der Sporen dient. Wie der Apfel am Apfelbaum also.
Die Bildung eines Fruchtkörpers kostet den Pilz jedoch viel Energie und vor allem Wasser. Deshalb erscheinen die meisten Arten erst dann, wenn ausreichend Feuchtigkeit vorhanden ist und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die freigesetzten Sporen erfolgreich verbreitet werden können.
Gerade deshalb wirkt ein Fund wie dieser während einer ausgeprägten Trockenperiode so außergewöhnlich.
Warum der Eichhase selbst Trockenheit gut überstehen kann
Der Eichhase besitzt eine bemerkenswerte Anpassung: Er bildet im Boden ein sogenanntes Sklerotium.
Dabei handelt es sich um eine harte, knollenartige Masse aus dicht verflochtenem Myzel. In diesem Dauerorgan speichert der Pilz Wasser und Nährstoffe und schützt sich gleichzeitig vor ungünstigen Umweltbedingungen wie Trockenheit oder Frost.
Sobald die Bedingungen wieder günstig werden, kann aus diesem Sklerotium ein neuer Fruchtkörper entstehen.
Gerade in Jahren mit langen Trockenphasen verschafft diese Überlebensstrategie dem Eichhasen möglicherweise einen entscheidenden Vorteil gegenüber Arten, die keine vergleichbaren Reservestrukturen besitzen. Ist nach einem kurzen Regenschauer genügend Feuchtigkeit vorhanden, kann der Pilz seine gespeicherten Energiereserven nutzen und innerhalb kürzester Zeit einen Fruchtkörper entwickeln.
Ob genau dieses Sklerotium auch der Grund dafür war, dass unser Fund mitten in der Trockenheit erscheinen konnte, lässt sich natürlich nicht sicher sagen. Sicher ist aber, dass es zumindest am Vortag ein paar Tropfen geregnet hatte. Es zeigt jedoch eindrucksvoll, wie ausgeklügelt die Überlebensstrategien vieler Pilze sind.
Ein ungewöhnlicher Standort?
Der deutsche Name lässt vermuten, dass der Eichhase ausschließlich unter Eichen wächst. Tatsächlich wird er dort auch besonders häufig gefunden. Unser Fund stand jedoch mitten in einem Buchenwald unter Buchen.
Der Pilz lebt als Schwächeparasit und später als Saprobiont an den Wurzeln verschiedener Laubbäume. Neben Eichen können deshalb unter anderem auch Buchen als Wirt dienen. Solche Funde sind zwar seltener, aber keineswegs ungewöhnlich.
Eichhasen erkennen – was sind die wichtigsten Merkmale?
Der Eichhase bildet große, buschige Fruchtkörper, die aus zahlreichen kleinen Hüten bestehen.
Typische Merkmale sind:
- zahlreiche kleine, rundliche bis fächerförmige Hüte
- graubraune bis ockerbraune Hutfarben
- viele verzweigte, weiße Stiele, die aus einer gemeinsamen Basis entspringen
- weiße Porenschicht auf der Unterseite
- festes, weißes Fleisch
- oft beeindruckende Größe mit mehreren Kilogramm Gewicht
Die Fruchtkörper erscheinen meist von Juli bis Oktober.



Mögliche Verwechslungspartner
Am ehesten wird er mit dem Klapperschwamm (Grifola frondosa) verwechselt.
Beide Arten wachsen büschelig an der Stammbasis oder über Wurzeln von Laubbäumen und gelten als hervorragende Speisepilze.
Der Klapperschwamm besitzt jedoch meist deutlich dünnere, lappenartige Hüte, die stärker überlappen und dem gesamten Fruchtkörper ein „blättrigeres“ Aussehen verleihen. Beim Eichhasen wirken die einzelnen Hüte meist runder und klar voneinander abgegrenzt.
Dennoch gilt wie immer: Pilze sollten ausschließlich dann gesammelt werden, wenn die Bestimmung zweifelsfrei gelingt.
In meinem Kurs Pilzbestimmung leicht gemacht kann man die Vorgehensweise zur sicheren Bestimmung übrigens sehr gut lernen.
Ein ausgezeichneter Speisepilz
Junge Fruchtkörper des Eichhasen sind hervorragende Speisepilze. Ihr Fleisch ist fest, angenehm aromatisch und eignet sich hervorragend zum Braten, Schmoren oder für Pilzpfannen.
Mit zunehmendem Alter werden die Fruchtkörper jedoch zäher. Daher werden bevorzugt junge Exemplare gesammelt. Da der Pilz gerne „Untermieter“ hat, hat man hier auch eher die Chance, einen ohne Maden zu erhalten.
Da er regional selten sein kann, sollte man verantwortungsvoll sammeln und nach Möglichkeit nur einen Teil eines großen Fruchtkörpers entnehmen.
Eichhase als Vitalpilz
Nicht nur in der Küche genießt der Eichhase einen guten Ruf. Vor allem in der asiatischen Tradition wird er seit langer Zeit als Vitalpilz verwendet.
Wissenschaftlich untersucht werden unter anderem Beta-Glucane und weitere Polysaccharide, die möglicherweise das Immunsystem beeinflussen können. Es laufen Untersuchungen zu seiner möglichen tumorhemmenden Wirkung. Außerdem scheint es Hinweise zu geben, dass Inhaltsstoffe des Eichhasen die Reproduktionsrate des Hepatitis B-Virus im Menschen senken kann. Die Forschung dazu ist vielversprechend, jedoch noch nicht so weit, dass daraus gesicherte medizinische Empfehlungen für den Menschen abgeleitet werden können.
Überraschungen gehören zum Pilzesuchen dazu
Für mich war dieser Fund vor allem eine Erinnerung daran, wie wenig berechenbar die Natur manchmal ist. Tage- oder wochenlange Trockenheit bedeutet nicht, dass die Pilze verschwunden sind. Meist warten sie unsichtbar als Myzel im Boden auf günstigere Bedingungen. Der Eichhase zeigt dabei besonders eindrucksvoll, welche ausgeklügelten Strategien Pilze entwickelt haben, um auch schwierige Zeiten zu überstehen.
Und genau deshalb lohnt es sich, selbst an scheinbar aussichtslosen Tagen aufmerksam durch den Wald zu gehen. Man weiß nie, welche Überraschung hinter der nächsten Ecke wartet.
Interessant? Dann besuche doch einen meiner Kurse:
-
Einstieg in die Welt der Pilze – Anfängerkurs
45,00 € – 55,00 € -
Individuelle Kursanfrage
-
Pilzbestimmung leicht gemacht – 1-tägiger Grundlagenkurs
75,00 € – 85,00 € -
Pilzkurs: Pilze sicher erkennen lernen – 2-Tageskurs
140,00 € – 150,00 €



