Mykorrhiza nennt sich die enge Lebensgemeinschaft zwischen Pilzen und Pflanzenwurzeln. Sie bleibt beim Waldspaziergang meist unsichtbar und erklärt doch, warum du bestimmte Pilze immer wieder bei denselben Baumarten findest. Unter unseren Füßen gibt es also einiges zu entdecken.
In meinen Pilzwanderungen und Pilzkursen im Odenwald und an der Bergstraße schauen wir deshalb auf unsere Funde und den Lebensraum drumherum. Gemeinsam erkunden wir, welche Bäume zu welchen Pilzen gehören und worauf es beim sicheren Bestimmen ankommt.
Wer durch einen Wald läuft, sieht Bäume, Sträucher, Moose und vielleicht den einen oder anderen Pilz. Ein großer Teil dessen, was diesen Lebensraum ausmacht, bleibt dabei verborgen.
Unter unseren Füßen durchziehen Wurzeln und feinste Pilzfäden den Boden. Zwischen Bodenpartikeln leben unzählige Mikroorganismen. Hier entsteht ein dichtes Geflecht biologischer Beziehungen, in dem viele Pflanzen mit Pilzen verbunden sind.

Man könnte sagen, der Wald besitzt sein eigenes Netzwerk. Eines, das lange vor Facebook existierte und dessen biologische Zusammenhänge wir bis heute erforschen.
Natürlich verschicken Bäume keine Nachrichten wie wir Menschen, und Pilze haben keine Freundeslisten. Der Vergleich ist ein Bild, keine biologische Gleichsetzung. Aber er hilft, etwas Unsichtbares zu verstehen: Pflanzen leben im Boden nicht isoliert. Viele von ihnen stehen über Pilze in einem Netz biologischer Beziehungen.
Mykorrhiza ist ein wesentlicher Bestandteil dieses verborgenen Zusammenspiels. Doch wie funktioniert die Verbindung zwischen Pilz und Pflanze eigentlich?
Was ist Mykorrhiza?
Mykorrhiza bedeutet übersetzt „Pilzwurzel“. Gemeint ist die Verbindung eines Pilzes mit den Wurzeln einer Pflanze. Bei vielen unserer Waldbäume ist diese Partnerschaft ein wichtiger Bestandteil ihrer Ernährung.
Der Baum bildet durch Photosynthese energiereiche Kohlenstoffverbindungen und gibt einen Teil davon an seinen Pilzpartner weiter. Der Pilz erschließt mit seinen feinen Fäden den Boden und liefert der Pflanze Nährstoffe, etwa Stickstoff und Phosphor. Auch zur Wasserversorgung trägt er bei.
Wie groß der Nutzen ist, hängt von den beteiligten Arten und den Bedingungen am Standort ab. Eine solche Partnerschaft funktioniert auf einem nährstoffarmen Boden anders als auf einem gut versorgten. Auch Trockenheit und der Zustand der Pflanze spielen eine Rolle.
Der sichtbare Pilz ist nur ein Teil
Wenn du einen Steinpilz entdeckst, siehst du seinen Fruchtkörper. Hier entstehen die Sporen, die seiner Verbreitung dienen. Ein großer Teil des Pilzes bleibt dagegen verborgen: das Myzel, ein Geflecht aus feinen Pilzfäden, den sogenannten Hyphen. Es durchzieht den Boden und ist mit den Wurzeln geeigneter Pflanzen verbunden.
Das hilft, eine vertraute Beobachtung einzuordnen: An einer guten Pilzstelle können über Jahre immer wieder Fruchtkörper auftauchen. Und auch wenn einmal nichts zu sehen ist, ist das Myzel meist weiterhin vorhanden. Auch wenn die Forschung dazu noch relativ jung ist, die Beobachtung, dass bestimmte Pilze gerne in Gesellschaft bestimmter Bäume wachsen ist schon sehr alt.

Dabei leben längst nicht alle Pilze in Symbiose mit Pflanzen. Manche zersetzen abgestorbenes Holz oder Laub (Saprobionten), andere leben parasitisch an lebenden Organismen (Parasiten). Einen Überblick über diese Lebensweisen findest du in meinem Beitrag Pilze finden: Bäume, Boden und Pilzstandorte erkennen.
Wie verbinden sich Pilz und Wurzel?
Es gibt verschiedene Formen der Mykorrhiza. Zwei davon zeigen besonders anschaulich, wie eng die Partner miteinander verbunden sind:
Ektomykorrhiza: Der Pilz bildet einen Mantel um die feinen Wurzelspitzen. Seine Hyphen wachsen außerdem zwischen die äußeren Wurzelzellen. Dort entsteht das sogenannte Hartigsche Netz, über das der Stoffaustausch erfolgt. Die Hyphen dringen dabei nicht in die lebenden Wurzelzellen ein. Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise Steinpilze, Täublinge, Milchlinge und viele Wulstlinge.
Endomykorrhiza: Bei diesen Formen wachsen Pilzfäden in die Zellen der Wurzelrinde hinein. Besonders verbreitet ist die arbuskuläre Mykorrhiza: Dabei bildet der Pilz innerhalb der Zellen winzige, bäumchenartig verzweigte Strukturen, die Arbuskeln. Über diese erfolgt der Stoffaustausch. Eine pflanzliche Membran trennt Pilz und Zellinneres dabei weiterhin voneinander. Diese Partnerschaft kommt bei vielen krautigen Pflanzen, Gräsern und auch manchen Gehölzen vor. Ihre Pilzpartner bilden keine großen Hutpilze, wie wir sie von der Pilzsuche kennen.

Welche Pilze gehören zu welchen Bäumen?
Manche Mykorrhizapilze sind auf ganz bestimmte Partner spezialisiert. Andere können mit verschiedenen Baumarten zusammenleben.
Hier ein paar typische Beispiele für Mykorrhiza-Partnerschaften:
| Pilzart | Baumpartner |
| Goldröhrling (Suillus grevillei) | Lärchen |
| Butterpilz (Suillus luteus) | Zweinadelige Kiefern, etwa die Waldkiefer |
| Gemeiner Birkenpilz (Leccinum scabrum) | Birken |
| Fichtenreizker (Lactarius deterrimus) | Fichten |
| Gemeiner Steinpilz (Boletus edulis) | Verschiedene Laub- und Nadelbäume, darunter Fichten, Buchen, Eichen und Kiefern |
Solche Beziehungen sind wertvolle Hinweise für die Suche. Eine Lärche kann dich beispielsweise auf einen möglichen Standort für Goldröhrlinge aufmerksam machen. Ob dort tatsächlich welche wachsen, hängt aber auch vom vorhandenen Myzel, Boden und Wetter ab.
Und: Der nächste Baum ist nicht automatisch der richtige Partner. Wurzeln reichen weit über den Stamm hinaus. Gerade im Mischwald lohnt es sich deshalb, auch die Bäume einige Meter entfernt zu betrachten.
Umgekehrt hat ein Baum keineswegs nur einen Pilzpartner. An seinen Wurzeln können gleichzeitig viele verschiedene Mykorrhizapilze leben. Mehr zur Vielfalt und Partnerwahl erläutert die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL auf waldwissen.net.
Vom Erfahrungswissen zur wissenschaftlichen Erklärung
Dass bestimmte Pilze immer wieder bei bestimmten Bäumen auftauchen, ließ sich schon beobachten, bevor die Verbindung an den Wurzeln verstanden wurde.
1885 prägte der Botaniker Albert Bernhard Frank den Begriff Mykorrhiza. Er erkannte die Bedeutung der pilzbesiedelten Wurzeln für die Ernährung der Bäume. Damit bekam eine Verbindung, die beim Pilzesammeln auffällt, eine wissenschaftliche Erklärung.
Das „Wood Wide Web“: Was steckt dahinter?
Vielleicht hast du schon vom „Wood Wide Web“, also dem „Internet des Waldes“ gehört. Was dahinter steckt: Ein Pilzmyzel kann die Wurzeln mehrerer Pflanzen besiedeln und miteinander verbinden. Fachleute sprechen dann von einem gemeinsamen Mykorrhizanetzwerk.
Ein Netzwerk größer als Facebook?
Kann man wirklich sagen, dieses Netzwerk sei größer als Facebook? Natürlich ist das nicht so einfach.
Es gibt keine seriöse Zahl, mit der man die Verbindungen zwischen Pilzen und Pflanzen weltweit einfach zählen und mit den Nutzerverbindungen eines sozialen Netzwerks vergleichen könnte. Als Bild ist der Vergleich jedoch stark, denn mykorrhizale Partnerschaften existieren weltweit, in sehr vielen terrestrischen Ökosystemen, zwischen einer enormen Zahl von Pflanzen und Pilzen und seit sehr langen evolutionären Zeiträumen.
So entstehen weltweit unzählige Beziehungen zwischen Pflanzen und Pilzen. Sie bilden kein einziges, durchgehend verbundenes Netz. Trotzdem hilft der Vergleich mit Facebook, sich die Vielfalt dieser Kontakte vorzustellen: Auch im Wald lohnt es sich, auf die Verbindungen zwischen seinen Bewohnern zu schauen.
Was ist wissenschaftlich belegt?
Was diese Verbindungen unter natürlichen Bedingungen ganz genau leisten, wird aktuell noch weiter untersucht. In Versuchen wurden Stofftransfers zwischen Pflanzen beobachtet. Daraus lässt sich aber nicht pauschal ableiten, inwiefern Waldbäume einander über Pilze in bedeutendem Umfang ernähren oder gezielt ihren eigenen Nachwuchs versorgen.
Eine wissenschaftliche Auswertung von Karst, Jones und Hoeksema zeigt, dass viele verbreitete Aussagen über solche Netzwerke über die vorhandenen Belege hinausgehen. Unklar sind unter anderem die Häufigkeit funktioneller Verbindungen im Wald, die übertragenen Mengen und der Nutzen für die Empfängerpflanzen.
Gut belegt ist dagegen die enge Beziehung zwischen Pilz und Pflanzenwurzel. Schon diese Partnerschaft ist erstaunlich genug, um beim nächsten Waldspaziergang genauer hinzuschauen.
Warum eine bekannte Pilzstelle trotzdem leer bleiben kann
Ein passender Baum allein reicht nicht aus, damit Fruchtkörper erscheinen. Auch Bodenfeuchtigkeit, Temperatur, Jahreszeit und die Versorgung des Myzels müssen passen.
Gerade nach längerer Trockenheit kann eine vertraute Fundstelle deshalb leer bleiben. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Pilz verschwunden ist. Sein Myzel kann im Boden weiterbestehen, ohne sichtbare Fruchtkörper auszubilden.
Auch Regen führt nicht sofort zu neuen Funden. Warum es dafür keine verlässliche Zahl an Wartetagen gibt, erkläre ich im Beitrag Pilze nach Regen: Wie schnell wachsen Steinpilze, Pfifferlinge und andere Speisepilze?. Beobachtungen aus der Region findest du außerdem in meinem Pilzticker Odenwald.
Beim nächsten Waldspaziergang genauer hinschauen
Du musst nicht jede Baumart und jeden Fachbegriff kennen, um damit anzufangen. Suche dir beim nächsten Spaziergang einmal eine Birke oder eine Lärche aus. Welche Pilze findest du in ihrer Umgebung? Stehen weitere Baumarten in der Nähe? Verändert sich das Pilzvorkommen dort, wo ein anderer Waldabschnitt beginnt?
Mit solchen Beobachtungen wächst nach und nach dein Verständnis für die Zusammenhänge. Der Standort liefert dabei Hinweise, ersetzt aber niemals die sichere Bestimmung eines Pilzes. Auch giftige Arten bilden Mykorrhiza.

Mir ist wichtig, dass beim Pilzesuchen Raum für diese Entdeckungen bleibt. Ein Fund kann uns etwas über seinen Lebensraum erzählen – unabhängig davon, ob er für die Küche interessant ist. Und manchmal beginnt diese Geschichte bei einem Baum, an dem wir sonst einfach vorbeigegangen wären.
Häufige Fragen zur Mykorrhiza
Ist Mykorrhiza ein Pilz?
Nein. Mykorrhiza bezeichnet die Verbindung zwischen einem Pilz und einer Pflanzenwurzel.
Haben alle Bäume Mykorrhiza?
Viele Baumarten bilden Mykorrhiza. Welche Form und mit welchen Pilzen hängt von der jeweiligen Pflanzenart und vom Standort ab.
Kann ein Baum mit mehreren Pilzen verbunden sein?
Ja. Ein einzelner Baum kann gleichzeitig mit zahlreichen unterschiedlichen Mykorrhizapilzen verbunden sein.
Sind Steinpilze Mykorrhizapilze?
Ja. Steinpilze bilden Ektomykorrhiza mit geeigneten Baumarten.
Können Pilze verschiedene Bäume miteinander verbinden?
Ja. Gemeinsame Mykorrhizanetzwerke können entstehen, wenn derselbe Pilz mehrere Pflanzen besiedelt. Welche ökologische Bedeutung der darüber mögliche Stofftransfer unter natürlichen Bedingungen hat, wird weiterhin erforscht.
Kommunizieren Bäume über Pilze?
Diese Formulierung ist sehr vereinfachend. In Experimenten gibt es Hinweise auf Stoff- und Signalübertragungen zwischen Pflanzen, die durch Mykorrhizapilze verbunden sind. Wie häufig solche Vorgänge in natürlichen Wäldern auftreten, welche Wege die Signale nehmen und welche Bedeutung sie für die beteiligten Pflanzen haben, ist jedoch nicht abschließend geklärt.
Was ist das Wood Wide Web?
Das „Wood Wide Web“ ist eine populäre Bezeichnung für unterirdische Netzwerke aus Pflanzenwurzeln und Mykorrhizapilzen. Das Netzwerk selbst ist real. Einige populäre Interpretationen seiner Funktionen sind wissenschaftlich jedoch umstritten.
Warum erscheinen Pilze immer wieder an derselben Stelle?
Weil der eigentliche Pilz als Myzel im Boden über längere Zeit bestehen kann. Sichtbare Fruchtkörper werden nur unter geeigneten Bedingungen gebildet.
Warum findet man manche Pilze nur unter bestimmten Bäumen?
Weil viele Pilzarten bestimmte Baumarten oder Baumgruppen als Mykorrhizapartner benötigen.
