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Rasen oder Magerwiese? Warum naturnahe Gärten Trockenheit besser überstehen

Wochenlang kaum Regen und der Rasen vertrocknet vielerorts. Während zahlreiche Gärten bereits im Hochsommer braun werden oder aufwendig bewässert werden müssen, stellt sich für mich inzwischen eine ganz andere Frage:

Muss ein Garten überhaupt wie ein englischer Rasen aussehen?

Bei uns entwickelt sich eine ehemalige Rasenfläche Schritt für Schritt zu einer naturnahen Magerwiese. Erst letzte Woche fiel mir zwischen Ferkelkraut, Wiesenlabkraut und Kriechendem Günsel eine Pflanze auf, die dort bisher noch nie gewachsen war. Ein schlanker, gelb blühender Stängel ragte aus der Wiese empor – Odermennig. Die Art ist keineswegs selten. Für mich war ihr Erscheinen dennoch etwas Besonderes, denn sie zeigt, dass sich der Standort langsam verändert.

Der Odermennig allein macht unsere Fläche noch nicht zu einer Magerwiese. Sein Auftreten zeigt mir aber, dass sich neben den früher dominierenden Rasengräsern zunehmend weitere standorttypische Arten etablieren können.

Odermenning auf der Magerwiese
Der kleine Odermennig taucht auf unserer werdenden Magerwiese auf.

Wiese ist nicht gleich Wiese

Magerwiese oder Blumenwiese – wo liegt der Unterschied?

Die Begriffe werden oft gleich verwendet – botanisch und ökologisch gibt es jedoch Unterschiede.

BlumenwieseMagerwiese
Sammelbegriff für Wiesen mit vielen Blütenpflanzen.Fachbegriff für eine nährstoffarme Wiese mit hoher Artenvielfalt.
Kann auch durch Einsaat entstehen.Entwickelt sich meist über viele Jahre auf nährstoffarmen Böden oder durch extensive Bewirtschaftung.
Nicht jede Blumenwiese ist besonders artenreich.Gehört zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas.
Kann auch auf nährstoffreicheren Standorten bestehen.Wird weder gedüngt noch intensiv genutzt.
Häufig vor allem aus optischen Gründen angelegt.Hat einen besonders hohen ökologischen Wert für Pflanzen, Insekten und viele Pilze.

Hinweis: Der Begriff Blumenwiese ist kein fest definierter ökologischer Fachbegriff. Er wird meist für blütenreiche Wiesen verwendet – unabhängig davon, ob sie natürlich entstanden oder eingesät wurden. Magerwiese beschreibt dagegen einen nährstoffarmen Wiesentyp mit einer charakteristischen Pflanzen- und Tierwelt.

Wer durch den Odenwald fährt, sieht überall Wiesen. Doch der Eindruck täuscht: Nicht jede Wiese ist automatisch ein artenreicher Lebensraum.

Die meisten Grünlandflächen werden heute intensiv landwirtschaftlich genutzt. Sie dienen der Futtergewinnung, werden regelmäßig gedüngt und mehrmals im Jahr gemäht. Das sorgt zwar für hohe Erträge, lässt aber nur wenigen Pflanzenarten Platz. Viele typische Wildblumen verschwinden nach und nach.

Artenreiche Magerwiesen dagegen entstehen auf nährstoffarmen Standorten oder dort, wo bewusst auf Düngung verzichtet wird. Hier können zahlreiche Pflanzenarten nebeneinander wachsen, ohne dass einzelne Arten die Oberhand gewinnen. Gerade diese Vielfalt macht Magerwiesen zu einem der wertvollsten Lebensräume Mitteleuropas.

Gleichzeitig sind sie keine unberührte Natur. Ohne Mahd oder extensive Beweidung würden die meisten Wiesen in Deutschland langfristig verbuschen und schließlich wieder zu Wald werden. Magerwiesen sind deshalb wertvolle Kulturlandschaften, die leider heute selten geworden sind.

Kamille 01
Nicht jeder artenreiche Lebensraum ist eine Magerwiese. Doch extensiv gepflegte Wegränder zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig heimische Pflanzenwelt sein kann.

Warum Trockenheit zum Umdenken anregt

Vielleicht kennst du das selbst: Kaum bleibt der Regen einige Wochen aus, wird der Rasen braun. Schnell entsteht der Eindruck, man müsse nun ständig bewässern. Doch vielleicht liegt die Lösung gar nicht darin, den Rasen immer grüner zu machen.

Die anhaltenden Trockenperioden der vergangenen Jahre zeigen deutlich, dass unser Umgang mit Gärten zunehmend auf die Probe gestellt wird. Ein dichter Zierrasen benötigt, besonders an sonnigen Standorten, oft regelmäßige Bewässerung, um auch im Hochsommer sattgrün zu bleiben.

Eine heimische Wiese verfolgt dagegen eine ganz andere Strategie.

Viele ihrer Pflanzen sind an nährstoffarme Böden und zeitweise Trockenheit angepasst. Ihre unterschiedlich tief reichenden Wurzeln erschließen verschiedene Bodenschichten und tragen gemeinsam mit dem Bodenleben zu einer vielfältigen Bodenstruktur bei. Eine dauerhaft bewachsene, wenig verdichtete Fläche kann Niederschlagswasser aufnehmen und den Boden vor Austrocknung und Erosion schützen. Viele Arten können zudem Wasser aus tieferen Bodenschichten nutzen und Trockenphasen besser überstehen als die typischen Gräser eines kurz gehaltenen Zierrasens.

Das bedeutet nicht, dass eine Magerwiese in langen Dürreperioden grün bleibt. Auch sie leidet unter Wassermangel. Doch sie benötigt deutlich weniger Pflege, keine regelmäßige Düngung und meist auch keine zusätzliche Bewässerung, um dauerhaft bestehen zu können.

Artenreiche Wiesen verbessern den Boden
Artenreiche Wiesen sorgen für einen besseren Boden und Wasserhaushalt

Mehr Pflanzen bedeuten mehr Leben

Genau deshalb freue ich mich über den Odermennig. Er ist für mich weniger eine einzelne Pflanze als vielmehr ein Hinweis darauf, dass sich das gesamte Ökosystem verändert.

Schon zuvor hatten sich Wiesenlabkraut, Günsel und viele andere heimische Arten angesiedelt. Jede einzelne Pflanze verändert den Lebensraum ein kleines Stück.

Hausgarten
Jeden Frühling erfreue ich mich an unseren Schlüsselblumen im Garten.

Blüten liefern Nahrung für Wildbienen, Schwebfliegen, Käfer oder Schmetterlinge. Unterschiedliche Wurzelsysteme lockern den Boden und schaffen neue Lebensräume für Regenwürmer, Springschwänze und unzählige weitere Bodenorganismen. Mit jeder zusätzlichen Pflanzenart wächst die ökologische Vielfalt.

Ein naturnaher Garten besteht eben nicht nur aus dem, was wir sehen. Der größte Teil des Lebens befindet sich unter unseren Füßen.

Was das alles mit Pilzen zu tun hat

Als Pilzsachverständige freue ich mich über den Odermennig aber noch aus einem ganz anderen Grund: Er verrät mir, dass sich möglicherweise auch unter der Erde etwas verändert.

Mich interessiert nämlich vor allem das, was wir gar nicht sehen. Denn viele Zusammenhänge spielen sich im Boden ab. Warum Pflanzen oft wertvolle Hinweise auf die späteren Pilzfunde geben, erfährst du auch in meinem Beitrag „Pilzstandorte erkennen – den Wald lesen lernen“.

Pilze gehören zu den wichtigsten Organismen eines funktionierenden Ökosystems. Sie bauen abgestorbenes Pflanzenmaterial ab, sorgen dafür, dass Nährstoffe wieder verfügbar werden, und bilden gemeinsam mit Bakterien und anderen Mikroorganismen ein komplexes Bodenleben.

Viele Pilze sind eng an ganz bestimmte Lebensräume gebunden. Während der Eichhase vor allem im Wurzelbereich älterer Eichen und gelegentlich anderer Laubbäume erscheint, bevorzugen viele Saftlinge und Ellerlinge nährstoffarme, extensiv bewirtschaftete Wiesen. Solche spezialisierten Lebensräume sind heute selten geworden – und mit ihnen viele ihrer Pilzarten.

Saftlinge und Ellerlinge bevorzugen mageren Boden
Saftlinge und Ellerlinge – wie dieser Jungfernellerling – findet man auf mageren Wiesen.

Auf unserer Wiese erscheint bereits regelmäßig der Schwärzende Saftling. Diese Art ist zwar vergleichsweise anpassungsfähig und kommt auch auf Rasen oder an Wegrändern vor. Dennoch zeigt sie, dass sich auch in einem Garten interessante Pilzlebensräume entwickeln können.

Schwärzender Saftling auf magerer Wiese
Der schwärzende Saftling ist bereits ein Bewohner unserer Wiese.

Ich bin gespannt, welche Arten sich in den nächsten Jahren noch ansiedeln werden.

Vielleicht brauchen wir weniger Perfektion

Lange Zeit galt der makellose Zierrasen als Sinnbild eines gepflegten Gartens.

Doch angesichts zunehmender Trockenheit und eines dramatischen Rückgangs der Artenvielfalt lohnt es sich, dieses Ideal zu hinterfragen.

Nicht jeder Garten muss vollständig zur Blumenwiese werden. Spiel- und Aufenthaltsflächen haben selbstverständlich ihren Platz – auch in unserem Garten. Aber vielleicht findet sich irgendwo eine Ecke, die sich etwas freier entwickeln darf.

Denn jede heimische Wildblume bietet Nahrung für Insekten. Jede vielfältige Wiese verbessert das Bodenleben. Und jeder naturnahe Lebensraum kann dazu beitragen, dass auch Pilze wieder bessere Bedingungen finden.

Früher hätte ich mich wahrscheinlich darüber geärgert, dass der Rasen im Sommer braun wird. Heute freue ich mich über jede neue Wildpflanze, die durch den so freigewordenen Platz ihren Weg in unseren Garten findet.

Der Odermennig ist für mich deshalb nicht einfach nur „Unkraut im Rasen“. Er ist ein Zeichen dafür, dass sich unsere ehemalige Rasenfläche langsam zu einem Lebensraum entwickelt.

Wer selbst eine artenreiche Wiese anlegen möchte, findet beim NABU eine gut verständliche Anleitung.

Fazit

Vielleicht wird aus unserem Garten nie eine perfekte Magerwiese. Das muss er auch gar nicht.

Auch ich freue mich über blühende Zierpflanzen, und unsere alten Hortensien, Rhododendren oder die Forsythie dürfen selbstverständlich bleiben.

Aber wenn sich nach und nach immer mehr heimische Pflanzen ansiedeln, Insekten Nahrung finden und vielleicht irgendwann auch weitere Wiesenpilze erscheinen, dann zeigt mir das vor allem eines:

Die Natur findet ihren Weg – wenn wir ihr die Chance dazu geben. Und manchmal beginnt dieser Weg mit einer einzigen Pflanze.

Wissen schafft Bewusstsein

Je besser wir Pflanzen, Pilze und ihre Lebensräume verstehen, desto bewusster nehmen wir die Natur wahr – und erkennen, wie wertvoll selbst kleine Veränderungen sein können. Genau dieses Wissen vermittle ich in meinen Pilz- und Wildpflanzenkursen: direkt draußen in der Natur.

Häufige Fragen

Warum wird mein Rasen im Sommer braun?

Ein klassischer Zierrasen besitzt flach wurzelnde Gräser, die bei längerer Trockenheit schnell unter Wassermangel leiden. Die Pflanzen ziehen sich zurück und verfärben sich braun. Nach ausreichendem Regen treiben sie häufig wieder aus. Dauerhaftes Bewässern ist deshalb meist nicht notwendig.

Kann ich aus jedem Rasen eine Magerwiese machen?

Nicht aus jedem Rasen entsteht eine klassische Magerwiese. Fast jede Rasenfläche lässt sich jedoch ökologisch aufwerten. Entscheidend sind Standort, Boden, Nährstoffgehalt und die Pflanzenarten in der Umgebung. Durch den Verzicht auf Düngung, seltenere Mahd und das Abräumen des Mähguts wird der Boden langfristig ausgemagert. Auf nährstoffreichen Flächen kann dieser Prozess viele Jahre dauern. Regionales, standortgerechtes Saatgut kann die Entwicklung unterstützen.

Muss eine Magerwiese gegossen werden?

Eine etablierte Wiese wird normalerweise nicht zusätzlich bewässert. Während längerer Trockenperioden können sich manche Pflanzen oberirdisch zurückziehen oder braun werden und später erneut austreiben. Frisch eingesäte Flächen müssen dagegen während der Keimung und frühen Entwicklung ausreichend feucht gehalten werden.

Wie oft wird eine Magerwiese gemäht?

Die meisten Magerwiesen werden ein- bis zweimal pro Jahr gemäht. Wichtig ist, das Mähgut anschließend zu entfernen, damit dem Boden keine zusätzlichen Nährstoffe zugeführt werden. Der genaue Mahdzeitpunkt hängt von den Pflanzenarten und den gewünschten Schutzzielen ab.

Welche Pilze wachsen auf Magerwiesen?

Artenreiche Magerwiesen sind Lebensraum für zahlreiche spezialisierte Pilze. Besonders bekannt sind Saftlinge, Erdzungen, Keulenpilze und Ellerlinge. Viele dieser Arten reagieren empfindlich auf Düngung und intensive Bewirtschaftung und gelten daher als Zeiger für naturnahe, nährstoffarme Wiesen.

Ist eine Blumenwiese dasselbe wie eine Magerwiese?

Nein. Blumenwiese ist ein allgemeiner Begriff für blütenreiche Wiesen und wird häufig auch für eingesäte Flächen verwendet. Eine Magerwiese ist dagegen ein nährstoffarmer Wiesentyp mit einer besonders hohen Artenvielfalt. Jede Magerwiese ist eine Blumenwiese – aber nicht jede Blumenwiese ist eine Magerwiese.

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